Wir wollten “wwoofen”. Willing Workers On Organic Farms hieß das Programm in unserer grünen Bibel, dem WWOOF-Magazin. Menschen, die Backpacker zum Arbeiten anstellten – gegen Essen und Bett. Bruno hatte so “inseriert”, daß wir glaubte, wir könnten dort ein Boot bauen…

Ein Boot bauen? Das interessierte uns natürlich. Buddhistische Lebensweise? Das interessierte mich. Meine Eindrücke waren gefärbt von dem untergründigen Bewußtsein, tausende Kilometer von meiner Heimat entfernt zu sein und doppelt so weit von meiner Vergangenheit: Dem Jura-Studium, den chronischen Geldproblemen, meinen (Ex-)Freundinnen…

Unser Ziel war Keri-Keri. Der Ort, in dem Bruno lebte. Wir nahmen den Bus nach Whangarei. Die Landschaft hatte einen tiefen Eindruck auf mich: sattes Grün, meterhohe Farne, die ich zu diesem Zeitpunkt noch für Palmen hielt… Holzhäuser – weiß, himmelblau – in viktorianischem Stil oder ganz schlicht. Der Bus schlängelte sich über zwei Stunden durch die Gegend. Während ich sauber gezogene niedrige Gartenzäune betrachtete, schlich sich aber etwas Schwermut ein. Ich begann, an englische Vorgärten zu denken und erhob damit den englischen Vorgarten als Symbol einer “Besatzerkultur “die vor über 100 Jahren hier eingefallen ist. Wo waren die Maori und die geheimnisvollen Tohunga? Wo war die archaische Kultur? Das war englische Kultur. Englischer Rasen, englische Hüte, englische Ladies – ältlich, grau, hager… so zumindest stellte ich mir die Menschen vor, die hinter diesen Gartenzäunen lebten.

In Whangarei machten wir Halt. Wir mußten eine Nacht hier bleiben. Vom ersehnten Meer war hier nichts zu sehen. Im Gegenteil: Ein-, maximal zweistöckige Häuser, hin und wieder geometrisch langweilige, langgezogene Lagerhallen oder Fabrikgebäude gaben dem Ort ein fast tristes Aussehen. Aber die Sonne schien und wir beide waren guter Laune. Im zweiten Backpacker. “Just Over Broke” – knapp über der Pleite – so beschrieb Paul die Bedeutung des Begriffs “Job”. Er hatte dunkelblone, lange Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Seine Gesichtszüge waren markant und ernst. Er muß in seinen Mitt-Vierzigern gewesen sein. Er managte den Backpacker in Whangarei in welchen wir einkehrten. Wenn er sprach, klang es als sei seine Nase verstopft. Ich tippte auf Polypen. Doch er erklärte und später, das sei vom vielen Marijuhana gekommen. Unsere Augen begannen zu glänzen. “Something to smoke?” Maik grinste über beide Backen. Paul bedeutete, ohne eine Miene zu verziehen, mit hinaus zu kommen.An einem runden Gartentisch saß ein dunkelhäutiger Mann – ein Maori – und lachte uns an. Er sprang auf und gab uns die Hand. An seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Das wichtigste muß wohl der Joint gewesen sein – obgleich diese Reaktion Paul’s auf unsere Marijuhana-Frage uns so verdutzt hatte, daß wir zunächst dankend ablehnten. Das ging mir – und wohl auch Maik ein wenig zu schnell und zu unkompliziert – wir hatten ja noch nicht mal unsere Klamotten ausgepackt. Wir gingen wieder in die Küche und unterhielten uns darüber, woher wir kamen und wohin wir gingen. Paul war mir sehr sympathisch. Später verwickelte er sich in eine leidenschaftliche Diskussion mit Maik – der sich als soziologischer Dogmatiker erwies. Es ging um Kultur (der Maori) und Spiritualität. Paul sah Spiritualität als zu wenig beachtet und dennoch von herausragender Bedeutung für das Dasein. Maik wiederum tat Pauls Argumente als metaphysische Spinnereien ab. Nicht empirisch nachvollziehbar eben. Soziologen eben. Eben. Ich erinnere mich nur undeutlich daran, worüber wir im einzelnen redeten. Aber ich spüre noch das Gefühl einer inneren Verbundenheit, das mich ergriffen hatte. Paul und ich schwebten auf einer Welle – irgendwie. Und das kam nicht vom Dope allein. Und er lehrte mich einige Grundbegriffe der Te Reo – der Sprache der Maori: whanau = Familie, oranga = Lebenserfahrung und kiakahamanawanui = das Herz und die Stärke, eine Lebensaufgabe zu besitzen. Eben diese Stärke suchte ich – oder eine Stufe davor: Die richtige Lebensaufgabe. Neuseeland war eine erste Flucht nach einem ersten Staatsexamen. Meine Reise sollte kein Ende haben – aber sie sollte zu einem Ziel führen. Und zu dieser Zeit war mein Ziel, eines zu finden. Ein Ziel, das vielleicht in spiritueller Erkenntnis bestand. Daher suchte ich die Maori und die Tohunga – die Meister der Künste. Das waren Medizinmänner, Priester… Weise eben. Meine Phantasie hatte mangels Ahnungslosigkeit viel Raum.

Te ika a maui nennt man Neuseelands Nordinsel, die an einen Fisch erinnern soll. Maui, war der fünfte Sohn seiner Mutter Taranga. Sie ging am Strand entlang, als gerade die Wehen einsetzten und gebar ihn. Da er viel zu früh zur Welt gekommen war, hielt sie Maui für tot und warf ihn – in ihrem tiki tiki eingewickelt – ins Meer. Maui wurde mehr oder minder wohlbehalten an Land gespült, wo ihn Tama-nui-ki-te-rangi, einer seiner Ahnen vor dem sicheren Tod rettete. So traf er später seine Mutter wieder, die ihn nicht erkannte und verstieß. Später aber, als Maui ihr seine Geschichte erzählte, glaubte sie ihm, nahm ihn zu sich. Maui bemerkte, wie seine Mutter jeden Tag im Morgengrauen die Hütte verlies und spionierte ihr nach. Er verwandelte sich in eine Taube und folgte seiner Mutter in eine Höhle hinab. Dort fand er sie mit seinem Vater, Makea-tu-tara, im Gras liegen. Als dieser ihn als seinen Sohn erkannte, setzte er eine Zeremonie an, die Maui unsterblich machen sollte. Da seinem Vater jedoch bei der Zeremonie ein Fehler unterlief, bliebt Maui doch sterblich. Er war ein Halbgott und keineswegs nur freundlich. Hie und da erschlug er jemanden oder zerstörte Ernten. Seine Urahnin Muir-ranga-whenua wollte er verhungern lassen, in der Absicht, ihren magischen Kieferknochen zu erhalten. Diese gab ihn den jedoch freiwillig. Später gebrauchte Maui ein Teil dieses Knochens als Fischhaken. Ein kunstvoll geschnitzter, mit Paua verzierter Angelhaken – heute als Symbol zum touristischen Amulett degeneriert.

Maori-Geschichten handeln von ihren Urahnen, von Familie und Zusammenhalt. Rangi, der Himmel ist der Ur-Vater, Papa die Ur-Mutter. Sie handeln von Hau-whenua, den sanften Brisen, Hau-ma-ringiringi, dem Nebel, der sich fruchtbar auf das Land legt und von Papa-tu-anuku, der Erde, die Samen sprießen läßt. Die Maori haben eine Bildsprache. Te-Reo, das gesprochene Wort, hört sich vom Klang seiner Vokale nordisch an. Die Betonung von a, o, u, i ist gleich dem Deutschen, weshalb ich später die Te-Reo Sprache aus den Mündern der britisch verwurzelten Neuseeländer als seltsam, fast schon vergewaltigt empfinden sollte. Was fehlte noch zur Freiheit? Meiner Meinung nach ein Auto. Das wollte ich. Wenigstens mal schauen: Turner & Turner wurde mir empfohlen. Jeden Mittwoch und Samstag gab es dort Auktionen. Mit fiel gleich ein Lada Niva auf. Immerhin 2500 Dollar – ich rechnete mit maximal 400. Das brachte uns zu einem tiefergelegten roten Honda Civic, etwas betagt, mit zerschmettertem linken Außenspiegel und ziemlich tiefen Sitzen. Verfluchten Sitzen! Als ich mich zum Probesitzen niederließ, ging meine 80 Mark teure UVEX-Sonnenbrille dahin. Ich spürte das Knacken eines Bügels. Für eine Weile trug ich die Brille eben mit einem Bügel – ich wollte die bislang teuerste Sonnenbrille, die ich mir je geleistet hatte, ausschöpfen bis zum Ende – und sei es, selbst über das Ende hinaus. Paul, den wir für den Besitzer des Hostels hielten war es wahrscheinlich nicht. Irgendwie wurden wir nicht schlau aus ihm. Wir gingen mit ihm und seinem Hund durch den Ort. Jedermann kannte sich. Es war ein durch und durch vertrauter Umgang mit ihm, der angeblich Jura studiert hatte, ausgestiegen war und als Student ausreichend Dummheiten verzapft hat (wie wir auch). Einige mehr oder minder tiefgehende philosophische Reflexionen haben ich und Paul in dieser Zeit ausgewertet. Mein spiritiualistischer Erkenntnis-Anspruch wurde durch ein Buch, das ich in einem Antiquariat in Whangarei erstand, nur bestärkt. Es war eine Sammlung personalistischer Philosophien. “The crisis of the human person”. Dieses Buch gab mir einige Impulse, die bis heute nachwirken. Nicolay Berdyaev war einer der Autoren, die in dieser Sammlung vorkamen.

[...]

Nach den Gesprächen mit Paul war ich mental besser gerüstet für die Dinge die vor mir lagen. Er fuhr mit einem Finger über die Landkarte und hielt an einem kleinen Ort in der Bay of Plenty. “Go there. This place will change your life” meinte er zu mir. Und ich hatte mein erstes Ziel: Opotiki.

In Auckland. Seit gestern. Very european, very british. Und meine erste Erkältung. Saukalt hier – es ist eben Frühjahr. Obwohl ich schon einen Sonnenbrand habe. Und: Maik hatte Geburtstag. Während des Fluges nach Brisbane.

Wir entschieden uns für die australische Zeitzone, um mit einem Manhatten anzustoßen. Mein Durst erschöpfte sich in einem Bier, einem Manhatten und einer Blody-Mary. Wobei letzteres mir das malayische Essen etwas anhob. Maik bekam sein Bier dann schon ohne Aufforderung. Dementsprechend hat er dann auch geschlafen. In Australien allerdings verlor sich seine Begeisterung vom Trip, als ihm das Feuerzeug (ein durchsichtiges Sturm-Gasfeuerzeug, nicht grade billig) abgenommen wurde. Tja, das war dann weg. Maik hat seinem Mißfallen mäßig lautstark Ausdruck gegeben, indem er die Aussies innerhalb der 1,5 Stunden auf dem Flughafen in unregelmäßigen Abständen verfluchte. Übrigens: der Flug war auch etwas unregelmäßig. Die 747 schlackerte durch die Grießbreiwolken, wie ein Luftballon im Wind. Aber prinzipiell war es schon gemäßigt. Von dem Flugzeug-Essen wurde mir übrigens weitaus flauer im Magen. Noch etwas zur Fliegerei: Thomas aus München (wir trafen ihm im Hostel), schälte seine Orangen mit einem Messer mit 10-cm-Klinge. Das hat er aus Deutschland mitgebracht. Also: Waffen(ähnliches) in das große Reisegepäck. Nun sitzen wir in Auckland, wo die Beträge für Essen und Internet denen in Malaysia sehr ähneln. Nur daß der Wert etwas höher liegt: So ca. 2 bis 2,5 mal mehr kostet uns der Spaß nun. Einen Supermarkt haben wir gefunden, nachdem wir uns zum fast dreifachen Preis Getränke in einem kleinen Shop gekauft haben. Aber nach Arbeit haben wir gefragt – im Yachthafen. Bisher ohne Erfolg. Aber wir haben ja noch etwas Zeit. Morgen soll es nach Whangarei gehen – in Richtung Norden. Ich hoffe, mein Rucksack hält. Da ist schon ein Riemen eingerissen, bevor es überhaupt richtig losging. Natürlich ein wichtiger: der, der den Tragegurt hält. Glücklicherweise hatte Maik Sternchenzwirn mit. Der schmückt nun meinen Riemen in Z-Form. Sieht von weitem ganz gut aus. Bis auf ‘the cold’ und eine sinnlose Blase am kleinen Zeh ist alles in Ordnung. Auch der dritte Daumen, der mir am zweiten Daumen neben dem Fingernagel wächst, wird wieder kleiner nach meiner Jod-Behandlung. Danke Mutti! ;o)