Neapel. Es ist ein Dasein, das für einen Mitteleuropäer seltsam erscheint: Was tun die Menschen den lieben langen Tag? Sie hören laut Musik, hängen Wäsche auf, quetschen sich in zerknitterten Autos und auf lauten Motorrollern durch die engen Gassen, ständig hupend und sitzen auf Plastikstühlen vor ihren Häusern. Sie sind freundlich und geschäftig.
Hier in Neapel ist auf den ersten Blick nichts vom Antrieb des Geldes zu bemerken, der in einer durch und durch ökonomisierten Welt weiter nördlich alles in Bewegung hält. Wonach sehnen sich die Menschen hier in dieser Welt, die einem verschlossen scheint? Das herauszufinden bedarf Zeit, die ich nicht habe.
Bilder genügen nicht, um diesen Ort zu beschreiben, Film und Ton würde den Eindruck der Lebendigkeit hier nur verzerren. Man muß hier sein, um einen Begriff vom Ursprünglichen, vom Herzen Italiens zu bekommen. Es sind Geräusche und Gerüche, die den Bildern Glanz und eine weitere Dimension verleihen. Es riecht, es stinkt in jeder Ecke. Waschmittel, Scheiße, verbranntes Benzin, frische Backwaren, Pizzateig, Obst, Gemüse… Jeder Stein scheint zu leben.
Si tacuisses, philosophus mansisses. Gelegentlich muß aber mal etwas gesagt sein. Da kommen die Zweifel schon beim Schreiben: Ich brülle in die Welt. Wozu? Macht. Selbst Macht ist gleichgültig. Aber jetzt – im Moment – widme ich mich mal Heidegger. Kein Existenzialist, sondern der Sinnsucher.
Sein ist im zeitlichen Kontext. Sein Sinn zu geben ist sein Anspruch, weil man nur begrenzt verweilt Wohl wahr – mit unendlicher Zeit ist jedes Handeln bedeutungslos. Meint er, meine ich. Aber ich gehe noch weiter: Selbst in begrenzter Zeit ist Handeln zwecklos, da die Masse, die immer wieder von Geburt an leeren, unschuldigen Geister von einer Massenmoral zurückgeworfen werden in das menschliche Massendämmern.
Doch da hilft mir Hegel vielleicht: historische Dialektik. Vielleicht hilft es doch was, wenn ich brülle. Einige Leute haben die Aufklärung nicht vergessen heutzutage. Einige Leute bringen die Welt etwas weiter… Wo sind sie???
…aber sie lebt! Sie bewegt. Dichotomisch gesehen ist das Entgegengesetzte starr. Soll heißen: Aus reiner Logik argumentiert, sorgt Rationalität für Stillstand. (M)ein Problem des Esels Buridans…
Rationalität hat uns Fortschritt beschert. Antrieb war immer da, Motor der konstruktiven Vernunft, was Nietzsche beschrieb: Die nicht zweckfreie Wissenschaft. Das nicht zweck- und wertfreie Handeln, über das Kant im siebfachen Imperativ stolperte.
Heute ist der homo oeconomicus vom Trieb der Gewinnmaximierung beseelt. Der moderne Wille zur Macht.
Trotzdem seelenlos. Selbst die rückwärtsgerichteten Ideologen in Südamerika, Südostasien oder sonstwo sind der Gewinnmaximierung nicht abgeneigt. Sie müssen zugeben, daß (Luxus)Güter immer in ihren Köpfen spuken. Rein emotional, versteht sich. Individualistischer Kapitalismus, Institutionalisierung (die, wenn sie im Sinne von Liberalisierung geschlossen wird, sich selbst ad absurdum führt), Anti-Filme von einem dicken Amerikaner, Gegenbewegungen (die einmal zu besagten Institutionen werden) pervertieren das eigentliche Dasein des Menschen zum Objekt.
Mensch = homo oeconomicus = wertvolles Glied der Gemeinschaft
Mensch = krank = unbrauchbares Objekt.
Jetzt hat mich Emotionalität weit vom Thema abschweifen lassen. Quod erat demonstrandum: Der Mensch ist nicht von reiner Vernunft gesegnet. Zum Glück.