Es war nicht mein erstes Mal in Berlin. Wohl auch nicht das letzte. Das hätte ich vor dem letzten Besuch nicht gesagt. Da verschwendete ich kaum noch einen Gedanken an die Stadt als ich aus ihren Mauern entflohen war. Diesmal schienen die Häuserfluchten auseinandergerückt, um Licht hineinzulassen. Die Tage und Nächte dort haben mir das erste Mal die Seele der Stadt eröffnet.
Berliner sind offen. Sind daneben. Sind geradaus. Aber sie tragen atavistische Züge:
Sie suchen. Jeder scheint als Individuum die anderen zunächst nicht als solche wahrzunehmen, als sein die Anderen Teil einer Masse, die minder würdig scheinen, einer menschlichen Regung zum Subjekt zu werden. Man wird überall angesprochen – aus egozentrischem Interesse wie “Kleingeld” oder “Bist Du Tom….?” (Ja, ich wurde für einen Schauspieler gehalten). Man reagiert offen abweisend oder herzlich. Der Andere ist ohne jegliche Erwartung oder Begeisterung, also bin ich es auch. Das wäre die Oberfläche.
Atavismus deshalb, weil im Inneren eines jeden die Suche nach Vertreibung der Einsamkeit lebt. Sie gibt jedem Gelegenheit, sich näherzubringen. Deswegen habe ich weiter oben das Wort “Verschlossenheit” nicht benutzt – im Gegenteil. Im Kiez lebt man in Gemeinschaft. Keine Dorfgemeinschaft, die andere nicht gelten läßt, weil die differetia specifica eben nur im Dorfpatriotismus liegt. Sowas kennt Berlin nicht.
…
Das hatte ich fast vergessen: Wie still die Welt sein kann. Still genug, damit sich alle Sinne öffnen – oder wenigstens schärfen. So kam es, dass ich nachts auf dem Steg am See lag, während der Mond die Sterne begleitete. Baryonische Materie über mir; die schwarze war unsichtbar, wie die übrige Welt. An diesem Ort war ich meinem Leben so weit entrückt, daß sich die eigene Entfremdung damit entfernt hatte.
Ich war einfach.
Als ich am Spiegel des Sees lauschte, bemerkte ich, daß hier auf dieser Wasseroberfläche das Universum reflektierte. Die Sterne leuchteten beständig von unten wie von oben. Der See warf Millionen Jahre altes Licht zurück – fast genau auf jener Höhe, auf welcher sich mein Kopf befand.